Sonntag, 27. April 2014

Phosphor an der Ostsee

Die deutschen Ostseeküsten gehören mit zu den beliebtesten Reisezielen und ziehen vor allem Bernsteinliebhaber in ihren Bann, da sie diesen nur aus dem Spülsaum fischen müssen. In der Vergangenheit ist es jedoch immer wieder vorgekommen, dass sich Strandbesucher beim Bernsteinsammeln an der Ostsee schwere Verbrennungen zugezogen haben. Wie kann das das sein, mögen sich jetzt manche Fragen und die Erklärung ist einfach: Das, was die Schatzsucher für Bernstein - den beliebten fossilen Baumharz - hielten, entpuppte sich in Wirklichkeit als gefährliche Hinterlassenschaft aus dem Zweiten Weltkrieg... Phosphor!



Wie kommt der Phosphor an den Strand?
Die Phosphorstückchen stammen aus Brandbomben, welche im Zweiten Weltkrieg abgeworfen und daneben - d.h. ins Wasser - gegangen oder nach Kriegsende unweit der Küstenregionen im Rahmen von Munitionsbeseitigungsaktionen einfach versenkt worden sind. Der Großteil der Bomben, die fehlgeleitet in die Ostsee fielen, haben den Meeresboden intakt erreicht, da die Aufschlagzünder nicht für einen Aufschlag auf Wasser konzipiert waren und deshalb nicht zündeten. Auch die versenkten Brandbomben sind zum Großteil in einem Stück auf den Grund gesunken, da der Meeresboden weich und die Aufprallgeschwindigkeit durch das Wasser zu stark abgebremst worden ist.
Es befinden sich also riesige Mengen an nicht detonierten Phosphorbomben auf dem Grund der Ostsee, deren ohnehin nur dünne Stahlummantelung nach nun fast 70 Jahren allmählich durchgerostet ist. So gelangt die noch intakte Brandmasse ins Wasser, wo sie durch die Strömung vom Grund langsam an den Strand getragen wird und sich dann im Spülsaum zwischen Muscheln, Steinen und tatsächlichem Bernstein wiederfindet.

Weißer Phosphor
Phosphor kommt in mehreren Varianten vor und in den Phosphor-Brandbomben des Zweiten Weltkriegs wurde die gefährlichste Art, der weiße Phosphor, verwendet. Weißer Phosphor ist ein chemisches Element mit dem Symbol P und ein wahres Teufelszeug - dass er im Dunkeln leuchtet, ist noch die harmloseste seiner Eigenschaften. Weißer Phosphor kommt wegen seiner außerordentlichen Reaktionsfreudigkeit in der Natur nicht im freien Zustand, sondern nur in Form von Derivaten der Phosphorsäure, in Mineralien sowie organisch gebunden vor. In Reinform bildet weißer Phosphor wachs- bzw. butterartige, weitgehend farblose, durchscheinende Massen und kommt meistens in Form von Stangen in den Handel, welche sich mit einem Messer schneiden lassen. In Wasser ist weißer Phosphor nahezu unlöslich, wenig löslich in Alkohol und Äther, dagegen jedoch gut löslich in Schwefelkohlenstoff, Fetten und vielen fettreichen Ölen. Wegen seiner großen Reaktionsfreudigkeit entzündet sich weißer Phosphor bei Kontakt mit Luftsauerstoff von selbst und verbrennt mit einer Temperatur von rund 1.300 °C. Weißer Phosphor ist jedoch nicht nur selbstentzündlich, sondern auch hochgiftig und schon 0,05 - 0,5 g wirken bereits tödlich. Zudem ist weißer Phosphor stark ätzend. Als einzig sichere Aufbewahrung für weißen Phosphor gilt die Lagerung unter Wasser.
Auf der Haut hinterlässt weißer Phosphor aufgrund der hohen Brandtemperaturen und der Ätzwirkung sehr tiefe, äußerst schmerzhafte und nur schlecht heilende Wunden, unter denen Betroffene oft ihr Leben lang zu leiden haben.
  
Phosphor als Brandsatz
Im Zweiten Weltkrieg gab es hauptsächlich zwei Arten von Brandbomben, mit welchen ab 1943 zunehmend auch zivile Ziele angegriffen worden sind. Überwiegend kamen dabei Elektronthermitbrandbomben mit Gewichten von 0,9 - 1,8 kg zum Einsatz, welche im Folgenden kurz beschrieben werden.
Die kleinen Sechskantstäbe erwiesen sich bei massenhaftem Abwurf in Verbindung mit Luftminen als sehr effektiv, da sie eine hohe Durchschlagskraft besaßen und ca. 15 - 20 Minuten weißglühend mit sehr heißen Temperaturen von rund 2.200 °C unlöschbar abbrannten. Gefüllt waren sie Elektronstäbe (Elektron = Legierung aus Magnesium / Aluminium) mit Thermit, einer trockenen Masse aus Eisenoxiduloxid (Magnetit), Bariumnitrat und Aluminium.
In wesentlich geringeren Stückzahlen kamen im Vergleich dazu die Flüssigkeitsbrandbomben an Bord der alliierten Bomber und zu diesen gehören neben Benzol-Kautschuk-Bomben auch die Phosphorbomben. Diese lassen sich in zweit Typen unterscheiden:

1. Phosphorbomben
Die Phosphorbomben besaßen eine zylindrische Form, waren mit einem Leitwerk ausgestattet und mit einem Aufschlagzünder versehen. Diese Brandbomben waren mit rund 14 kg Brandmasse gefüllt, einem zähklebrigen, gelblichgrünen Gemisch aus Leichtbenzin, Rohkautschuk und in Schwefelkohlenstoff gelöstem, weißen Phosphor.
Die Wirkung, die sie entfalteten, war verheerend und heimtückisch. Durch den Aufschlagzünder detonierte die Bombe, wobei im Umkreis von ungefähr 40 m brennende, klebrige Flatschen der Brandmasse umherflogen, sich an Gegenstände hefteten und diese in Brand setzten. Jeder, der schonmal einen Pizzateig selbstgemacht und dabei zu früh, d.h. noch mit drehendem Rührwerk den Mixer aus der Schüssel gezogen hat, kann sich das Szenario klebender Flatschen an Wänden und Gegenständen in etwa so vorstellen...
Die Klebwirkung der Brandmasse war selbstverständlich weitaus stärker, als die von Pizzateig und das heimtückische an diesem Gemisch war, dass es sich durch die Phosphorbeimischung nach dem Ablöschen durch den Luftsauerstoff immer wieder von selbst entzündete. Bei der Verbrennung entsteht zudem giftiges und ätzendes Phosphorpentoxid, welches in dichten, phosphorsäuregetränkten Schwaden umherzog und die Löscharbeiten zusätzlich erheblich erschwerte.

2. Phosphorkanister
Im Gegensatz zu den Phosphorbomben besaßen die Phosphorkanister kein Leitwerk und ähnelten in ihrer Form einem Benzinkanister. Die rechteckigen Behälter bestanden aus gelötetem Weißblech und waren mit rund 23 kg Brandmasse gefüllt, welche aus Benzin bzw. Benzol, in Schwefelkohlenstoff gelöstem Phosphor sowie Latex zur Verdickung bestand. Größtenteils waren sie nicht mit einem Zünder versehen und platzten einfach beim Aufprall. Sie waren den Phosphorbomben in bezug auf Durchschlagskraft und Brandradius zwar deutlich unterlegen, aber dennoch nicht zu unterschätzen. Dort, wo solch ein Kanister runterkam, setzte er ebenso alles in Brand.

Funde an der Ostsee
Wie eingangs bereits geschildert, setzten die am Meeresgrund befindlichen und langsam verrottenden Brandbomben aus dem Zweiten Weltkrieg allmählich ihren gefährlichen Inhalt frei, welcher in kieselstein- bis tennisballgroßen Klumpen von der Strömung an den Strand getragen wird und dort im Spülsaum liegen bleibt. Da weder weißer Phosphor, noch die anderen Bestandteile der Brandmasse in Wasser löslich sind oder mit diesem reagieren, ist das Phosphorgemisch noch intakt, d.h. es ist noch zündfähig und beginnt bei Kontakt mit Luftsauerstoff zu brennen. Lediglich der Kautschuk bzw. das Latex, welches zur Verdickung der Masse zugegeben wurde, ist mit der Zeit ausgehärtet. Das Tückische ist, dass die Phosphorbrocken durch die ausgehärteten Verdickungsmittel tatsächlich eine feste Konsistenz haben und durch die ohnehin schon gelbliche Färbung wie Bernstein aussehen. Wie sämtliches andere Treibgut im Spülsaum werden diese Brocken durch das stetig anbrandende Meerwasser permanent feucht gehalten, sodass sie sich nicht entzünden - das tun sie erst, wenn sie an der Luft abtrocken und dieser Prozess findet leider allzu oft in Hosen- oder Jackentaschen von Strandbesuchern statt.

Vorsichtsmaßnahmen beim Sammeln von Bernstein
Am besten schützt man sich vor Phosphorverbrennungen, wenn bei der Bernsteinsuche die Fundstücke mit einer Pinzette oder Zange aufgenommen und in einem verschließbaren, nicht brennbaren mit Wasser gefüllten Gefäß (z.B. Marmeladen- oder Senfglas) gesammelt werden, welches am besten in einer separaten Tasche verstaut wird. Hierfür eignet sich am besten ein guter alter Einkaufsbeutel aus Jute, da man hier im Gegensatz zu einem auf dem Rücken getragenen Rucksack sofort mitbekommt, wenn es anfängt zu qualmen, man diesen nicht direkt am Körper hat und sich diesem durch Wegwerfen einfach und vor allem schnell entledigen kann. Zudem solltet Ihr nicht barfuß im Spülsaum herumstaken, damit Ihr nicht in einen solchen Klumpen hineintretet. Die Schuhe, welche beim Gang durch den Spülsaum getragen worden sind, sollten sicherheitshalber auch erst nach vollständiger Abtrocknung der Sohlen im Auto oder der Ferienwohnung verstaut werden.

Verhalten bei Phosphorfunden
Sollte sich einer der gefundenen Bernsteinklumpen als Phosphorbrocken entpuppen, erkennt man es daran, dass er beim langsamen Abtrocknen zunächst zu Rauchen beginnt. Geschieht dies in dem (nicht mit Wasser gefüllten) Behälter mit dem gesammelten Bernstein, dann versucht auf keinen Fall, den Phosphorklumpen mit den Fingern oder sonst womit dort heraus zu polken! Durch die Erwärmung wird die ausgehärtete Kautschukmasse wieder zähflüssig und Ihr würdet ihn nur verteilen. Lasst den Klumpen wo er ist und werft das Glas bzw. die ganze Tasche sofort weg - idealerweise dorthin, wo sich das Feuer nicht ausbreiten kann, denn durch die enorme Hitze wird das Glas mit Sicherheit zerspringen. Bewacht die Stelle (haltet Euch aber von den Dämpfen fern!) und verständigt die Polizei oder Feuerwehr. Aus Sicherheitsgründen solltet ihr den Bernstein, der mit in dem Glas gewesen ist, nach Abbrand des Phosphors nicht wieder aufsammeln.
Habt Ihr es mit Eurem Bernsteinglas bis nach Hause bzw. in die Ferienwohnung geschafft, solltet Ihr das Wasser durch ein Sieb abschütten und den gefundenen Bernstein auf einer nicht brennbaren Unterlage zum Trocknen ausbreiten. Legt die Stücke weit auseinander und fasst sie noch nicht mit der Hand an. Das Ganze macht Ihr am besten im Freien. Lasst die Funde unbedingt an der Luft trocknen und nehmt kein Tuch oder ähnliches, denn wenn ihr Phosphor dabei erwischt, dann würde dieser sofort beginnen zu brennen. Beobachtet den Bernsteinfund beim Abtrocknen und sollte sich bei einem oder gar mehreren Klumpen eine Rauchentwicklung zeigen, dann habt Ihr Phosphor dabei. Lasst den Klumpen dort wo er ist und bedeckt ihn mit reichlich Sand, welchen Ihr idealerweise vom Strand mitgebracht habt. Durch das Abdecken mit Sand wird der Phosphor vom Luftsauerstoff abgeschnitten und die Reaktion stoppt. Lasst den Klumpen bedeckt und ruft ebenfalls die offiziellen Stellen zur Hilfe.

Verhalten bei Kontakt
Solltet Ihr oder Eure Kleidung trotz aller Vorsicht bzw. doch aus Unachtsamkeit mit Phosphor in Kontakt kommen, gibt es im Falle der Klamotten nur eine Möglichkeit: Sofort runter damit! Versucht auf keinen Fall, den Phosphor mit den Händen oder Ärmeln abzustreifen! Aus mit dem Zeug und brennen lassen ist hier die einzig richtige Vorgehensweise.
Auch wenn es sprichwörtlich so manch einer tut, fährt praktisch gesehen niemand aus seiner Haut, wodurch ein Ausziehen bei Kontakt mit Phosphor nicht möglich ist. Die beste Möglichkeit, die Verletzung möglichst klein zu halten ist, den Phosphor mit geeigneten Mitteln zu entfernen, d.h. abzustreifen. Dies sollte jedoch auf keinen Fall mit bloßen Händen erfolgen! Danach: Sofort zum Arzt!

Also, passt auf, wenn Ihr an die Ostsee fahrt und Bernstein sammelt. Behaltet vor allem Eure Kinder im Auge und haltet sie davon ab, selbst im Spülsaum herumzustochern. Auch wenn sie noch so gerne wollen. Auch das Buddeln nahe des Spülsaums kann gefährlich sein!

© Menzel 2015

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