Freitag, 10. April 2026

Pulverlöscher in Antiquariaten und Archiven

Normalerweise werden Pulverlöscher seit ungefähr 30 Jahren wegen der immensen Löschmittelschäden ganz konsequent aus nahezu allen Innenbereichen verbannt und üblicherweise durch Schaumlöscher ersetzt. Nur dort, wo sie unentbehrlich sind, werden sie weiter vorgehalten. Typische Anwendung finden sie unter anderem in frostgefährdeten Bereichen wie Außenanlagen, Tiefgaragen und Parkhäusern, in Anlagen, wo versteckte, schwer zugängliche Brandherde vorhanden sein können wie in Heizungsanlagen oder KFZ-Werkstätten, in Betrieben, in denen hohe Temperaturen zu erwarten sind, die zu gefährlichen Wechselwirkungen mit nassen Löschmitteln führen können wie Gießereien, Verbrennungsanlagen, Brennöfen und nicht zuletzt auch in Anlagen und Betrieben, wo schnell viel Power gebraucht wird wie etwa Tankstellen, Lackstraßen, Tanklager, Raffinerien und Chemiebetriebe - in Sonderheit solche - wo Chemikalien verarbeitet und gelagert werden, die keinesfalls mit Feuchtigkeit in Verbindung gebracht werden dürfen (u.a. Ammoniunitrat, Karbid, Chlorate und Peroxide).

Das Löschmittel Pulver scheint heutzutage also als reines Sonderlöschmittel für ganz spezielle Anwendungszwecke eingesetzt zu werden und von daher dürfte es in diesem Zusammenhang sehr interessant zu lesen sein, dass Pulverlöscher häufig auch in Archiven und Antiquariaten mit sehr alten, einzigartigen und unwiederbringlichen Dokumenten und/oder Büchern zum Einsatz kommen. Nicht etwa, weil es die günstigste Lösung ist sondern ganz bewusst und man kann sich durchaus die berechtigte Frage stellen, warum das denn so ist.

Vor einiger Zeit hatte  ich ein sehr angenehmes, aufschlussreiches und informatives Gespräch mit Klaudia Ketz, der Inhaberin des Antiquariates Hans-Jürgen Ketz in Münster. Wir saßen in einem alten Haus an einem alten Tisch auf alten Stühlen und waren umgeben von Unmengen wirklich alter und wahrscheinlich auch wertvoller Bücher. Der Grund meines Besuchs war dieser alte Feuerlöscher von GLORIA, Typ Pn 6 S von 1965, den wir hier links sehen. Die Atmosphäre war allerdings toll, das muss ich wirklich sagen und der alte Feuerlöscher hat vom Ambiente gut dort hineingepasst.

Wir unterhielten uns natürlich über den Feuerlöscher, welcher 1965 mit der neuen Ölheizung in das wesentlich ältere Gebäude (ich schätze 1930er Jahre) eingezogen ist und eigentlich im Keller hing und nicht im Antiquariat selbst. Damals sorgte er dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprechend für den ausreichenden Schutz der Feuerungsanlage und Frau Ketz fragte, ob der Feuerlöscher denn noch funktionstüchtig wäre - doch das konnte ich nur vereinen. Sie hatte es sich natürlich schon gedacht, dass ein 60 Jahre alter Feuerlöscher keinen Schutz mehr bietet und deshalb hat sie ihn ja auch abgegeben. Ich fügte noch an, dass das enthaltene BC-Pulver schon in den späten 1970er Jahren nicht mehr den Anforderungen der Feuerungsverordnung entsprach und es sich für so etwas wie antiquarische Bücher auch in keinster Weise eignen würde. Im Grundsatz gehören Bücher - egal ob antiquarisch oder neu - ausschließlich der Brandklasse A an, und Brände von Stoffen der Brandklasse A sind mit dem Standard-BC-Löschpulver nicht löschbar.


Schaut man mal in den entsprechenden Abschnitt der Technischen Regeln für Arbeitsstätten ASR A2.2, liest man sehr schnell, dass sich bei Bränden von Stoffen der Brandklasse A anstelle von (ABC)-Pulver ohnehin Wasser- oder Schaumlöscher wesentlich besser eignen würden, da beim Einsatz solcher Geräte die Löschmittelschäden nur auf das Brandobjekt beschränkt bleiben. Soweit so gut, doch genau in diesem Punkt liegt das Problem. Wasser und Schaum zählen zu den nassen Löschmitteln und wenn Bücher nass werden, wird das Papier wellig, es klebt zusammen, schimmelt und was weiß ich und das Buch bzw. die Bücher, welche bei einem Entstehungsbrand  abgelöscht würden, wären danach definitiv und unwiederbringlich ein Fall für die Tonne. Frau Ketz bemerkte hierzu, dass das eigentliche Buch zunächst durch den Einband sehr gut eine gewisse Zeit vor der Einwirkung von Feuer, Hitze und Rauch geschützt ist. Auch an den offenen Kanten liegen die einzelnen Seiten so dicht aufeinander, dass ein Entstehungsbrand auch hier erst einmal nicht mehr Schaden als angesengte Ränder anrichten würde. Hitze und Feuer tun dem eigentlichen Inhalt des Buches in der Entstehungsphase eines Brandes also erst einmal nichts und um das Buch in dieser Phase nicht sprichwörtlich kaputt zu löschen, finden eben die ABC-Pulverlöscher auf diesem Gebiet eine doch breitere Anwendung, als man meint.
Beruflich betreue ich einige Archive mit wirklich alten Beständen und dort hängen auch nur Pulverlöscher. Ich weiß noch, als ich das erste Mal dort hinkam dachte ich auch… Pulverlöscher?? Aber nach etwas analytischem und einfachem Nachdenken erschloss sich mir dann der Grund zur Vorhaltung dieser Geräte. Um es ehrlich zu sagen: Auf der einen Seite wird beim Einsatz eines Pulverlöschers im Brandfall die Verschmutzung großer Teile des Bestandes billigend in Kauf genommen, was auf der anderen Seite jedoch gar nicht verhindert werden kann, wenn einzelne, direkt am Brandgeschehen beteiligte Bücher oder sonstige Dokumente bestmöglich erhalten bleiben sollen. Ebenso wie der Entstehungsbrand kann auch das Löschpulver so einem Buch erst einmal nichts anhaben, solange alles trocken ist bzw. bleibt. Der Löschpulver-Staub kann nämlich einfach abgebürstet, abgeblasen oder abgesaugt werden. Interessant oder? Also, wenn ihr demnächst mal irgendwo Pulverlöscher seht, könnt ihr ja mal darüber nachdenken, ob sie einfach die billigste Lösung für den Betreiber waren oder ob sie nicht doch einen ganz speziellen Zweck erfüllen.

C. Menzel 2026


 hier erstHu darf man im Falle von antiquarischen Büchern die Wahl des Löschmittels nicht ausschließlich auf die Verschmutzung des Umfeldes ausrichten acht Übereinstimmend mit den Technischen Regeln für Arbeitsstätten ASR A2.2 würden in beiden Fällen die Brandgefahren sicher abgedeckt und die Löschmittelschäden in Grenzen gehalten werden. 


Donnerstag, 22. Januar 2026

Crans Montana - Ein Feuerlöscher hätte geholfen

GLORIA Pi 6 G Schweiz
Am Neujahrsmorgen bricht gegen 01:30 in einer voll besetzten Bar im Schweizer Skiort Crans Montana ein Brand aus, welcher 40 überwiegend sehr junge Menschen das Leben kostet und knapp 120 weitere Gäste teils schwer verletzt. Als Ursache für diese verheerende Bilanz wird von verschiedenen Seiten ein Pyrolysebrand mit anschließender Durchzündung der Rauchgase angegeben. Als Brandschutzbeauftragter besitze ich selbstverständlich umfangreiche Kenntnisse über das Brandverhalten von Baustoffen und der unter der Decke verbaute, salopp als „Pyramidenschaum“ bekannte Dämmstoff gehört unbehandelt definitiv zu den schlimmsten Stoffen, die in Brand geraten können. Bei Feuerwehren und auch in meiner Welt des vorbeugenden Brandschutzes ist er als „fester Treibstoff“ bekannt und gehört in die Baustoffklasse B3. Materialien dieser Kategorie haben zumindest in Deutschland nichts in derartigen Etablissements zu suchen  (siehe dazu unter anderem die Sonderbauverordnung NRW).

Wie konnte sich das Feuer so schnell ausbreiten?
Problematisch bei vielen Schaumstoffen wie diesem ist, dass sie aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung - teilweise auch noch verstärkt durch den Herstellungsprozess - einen hohen Brennwert bzw. Heizwert besitzen, welcher im oberen Bereich in etwa mit dem von Benzin, Diesel oder Heizöl EL vergleichbar ist. Hoher Brennwert bedeutet heißes Feuer und somit auch hohe Temperaturen beim Brand. Zudem entwickeln Schaumstoffe in kürzester Zeit Unmengen an giftigem Rauch, welcher noch voller brennbarer Bestandteile steckt. So kommt es, dass bei einem Brand von Schaumstoff der Rauch sehr schnell dicker und dicker wird und das heiß brennende Feuer viel Hitze sowohl in die Rauchschicht, als auch die Umgebung bringt. Durch die aufgeheizte Umgebung breitet sich das Feuer exponentiell aus und in Windes Eile brennen plötzlich mehrere Quadratmeter, was zu einem weiteren, enormen Temperaturanstieg im Brandraum führt. Andere brennbare Stoffe im Raum, wie z.B. Möbel, Holzverkleidungen und Kunststoffe fangen an zu dampfen und beginnen, brennbare Pyrolysegase freizusetzen, welche sich ebenfalls in der Rauchschicht anreichern. Irgendwann ist durch den permanenten Input von Hitze schließlich der Punkt erreicht, an dem das Rauch-Pyrolysegas-Gemisch so heiß wird und zündet. Dieser Prozess läuft sehr schnell ab, sodass es in der Regel nicht mehr als drei Minuten vom Entstehungsbrand bis zum Vollbrand braucht. Temperaturen von 800 bis 1.000 Grad Celsius sind dabei keine Seltenheit.

Hätte jemand einen Feuerlöscher benutzt
Ich möchte jetzt nicht auch noch anfangen zu erörtern, wer warum woran wie Schuld ist - das wissen wir denke ich und dieser Frage gehen schon alle anderen nach. Für mich ist es an dieser Stelle viel wichtiger zu fragen, ob es irgendetwas gegeben hätte, um einen Brand diesen Ausmaßes zu verhindern. Die Antwort lautet: Ja, ganz klar - ein Feuerlöscher! Feuerlöscher sind Kleinlöschgeräte, welche binnen weniger Sekunden einsatzbereit sind und einen im Entstehen begriffenen Brand sicher eindämmen und ablöschen können. Es gibt Videos im Netz, wo ein Gast versucht, das schnell immer größer werdende Feuer mit seinem Pullover oder seiner Jacke auszuschlagen. Funktioniert natürlich bei einem Feuer dieser Größe nicht mehr, aber mit einem Feuerlöscher hätte er den Brand in diesem Stadium noch wirksam bekämpfen können. Er hatte aber keinen und genau das war der letzte verhängnisvolle Baustein zur Katastrophe. Wäre innerhalb der ersten Minute ein Löschangriff mit einem oder mehreren Feuerlöschern erfolgt, wäre alles noch glimpflich ausgegangen und der Vorfall hätte - wenn überhaupt - höchstens in der örtlichen Zeitung gestanden. Entstehungsbrände, die mit einem Feuerlöscher bekämpft werden, tauchen in den Medien in der Regel gar nicht auf, weil es tatsächlich recht häufig vorkommt, dass ein Feuerlöscher benutzt wird. Da dabei dann natürlich überhaupt nichts spektakuläres passiert, zeigen die Medien auch kein Interesse an solchen Vorfällen.

Fakt ist, dass kein Feuerlöscher benutzt wurde - ob jetzt einer, drei, fünf oder zwanzig vor Ort gewesen sind oder gar keiner, ist in diesem Falle völlig egal, denn wir kommen immer zum gleichen Ergebnis: Es wurde kein Feuerlöscher benutzt. Dieser Brand zeigt auf tragische Weise, wie wichtig Feuerlöscher sind, wie wichtig es ist, dass sie vor Ort sind, wie wichtig es ist, dass sie auch funktionieren, wie wichtig es ist, dass sie sichtbar, schnell erreichbar und sofort einsatzbereit sind und ebenso wie wichtig es ist, dass vor Ort auch jemand sein muss, der den Feuerlöscher benutzt! Letzteres kann man von saufenden Gästen natürlich nicht unbedingt erwarten, aber das Personal sollte in jedem Falle darauf geschult werden. Ich habe in den letzten Jahren viele viele Brandschutzhelfer ausgebildet und Brandschutzunterweisungen durchgeführt, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass mal jemand aus einem Club oder der Gastronomie dabei gewesen wäre… ein wichtiger Punkt, an dem gearbeitet werden sollte

C. Menzel 2026

Freitag, 16. Januar 2026

GLORIA Typ P 6 D Baujahr 1970

Dieser P 6 D von 1970 erscheint im klassischen Stil seiner Zeit. Zum typischen Erscheinungsbild gehören der umlaufende, dreifache Aufdruck, die zugehörigen drei Haltelaschen sowie die griffigen Gummibeschichtungen an Tragegriff und Druckhebel. Im Gegensatz zu den früheren Modellen fällt auf, dass der Ventilkörper nicht mehr einfach nur aus einem Messingblock mit eingelegtem Tragegriff besteht sondern deutlich schlanker daherkommt. Verchromt oder vernickelt mit aufgesetztem Tragegriff sehen Ventilkörper und Armatur nun aus wie eine Einheit. Schön!

Dieser Feuerlöscher ist ein ganz besonderes Modell für mich, denn es war der erste Feuerlöscher, den ich als kleiner Knirps wirklich ganz in Ruhe aus der Nähe betrachten und sogar anfassen konnte. Dauerdrucklöscher wie dieser fanden sich im Prinzip nur in privaten Haushalten vor der Ölheizung und nur ganz selten in der Öffentlichkeit. Dieser hier - und es ist wirklich das originale Gerät - hing bei Familie Wolff im Keller. Sie waren von 1978 - 1984 unsere Nachbarn und Edith hat ab ungefähr meiner 8. Lebenswoche auf mich aufgepasst und mich umsorgt, da meine Mutter schon früh wieder arbeiten gehen musste. Heute würde man Tagesmutter sagen, aber den Begriff gab es früher glaube ich noch gar nicht und das würde unser Verhältnis nicht auch nur im Ansatz richtig umschreiben. Edith und ihr Mann Heiner waren wie Eltern für mich sowie auch für meinen Bruder und nachdem wir 1984 von Lipperode ins benachbarte Esbeck gezogen sind, blieb dieses Verhältnis bestehen, woraus sich eine wirklich echte Freundschaft entwickelt hat. Heute sind beide weit über 80 und erst vor zwei Wochen haben wir mit meinem Bruder und den beiden zusammengesessen und über alte Geschichten erzählt. Schön! Das gibt es nicht oft.

Ja - wie damals üblich in Wohnsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre bollerte auch bei Edith und Heiner eine Ölheizung im Keller und die Feuerungsverordnung schrieb vor, dass ein Feuerlöscher griffbereit vorhanden sein musste. Das war dann genau dieses Gerät, welches unmittelbar neben der Tür zum Heizraum in einem kleinen Vorsprung hing. Er hing auf etwa gut 1,80 m Höhe wenn ich mich recht erinnere und was glaubt ihr, wie oft ich da runter wollte nachdem ich wusste, dass er da hängt. Immer, jedes Mal, wenn ich da war - und das war oft. Wenn mich Edith oder Heiner auf dem Arm in den Keller trugen, hatte er die perfekte Höhe zum gucken und anfassen für mich. Als ich dann etwas älter war, hat Heiner den Feuerlöscher wann immer ich das wollte nach oben in die Wohnung geholt und da wurde er erstmal geputzt und gewienert, bis er mit der Sonne um die Wette glänzte. Ganz toll fand ich immer diesen kippeligen Boden, das weiß ich noch.

Und dann - das haben sie bei unserem Treffen letztens noch erzählt - wurde 1989 die Ölheizung durch eine Gasheizung ersetzt und hinfort waren alle Verordnungen und Vorschriften, die diesen Feuerlöscher dort sehen wollten und dann habe ich ihn bekommen - und das ist jetzt auch schon 37 Jahre her. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht.

C. Menzel 2026