Freitag, 12. Februar 2016

Kohlensäure-Gaslöscher - Die schöne und das Biest

Neben den heute bekannten Kohlendioxidlöschern gab es früher auch sogenannte Kohlensäure-Gaslöscher, welchen die Zulassung vermutlich mit Einführung der DIN EN3 im Jahre 1992 entzogen worden ist. Spätestens 2002 endete die Übergangsfrist und ab da wurden diese Geräte endgültig aus dem Verkehr gezogen. Obwohl Kohlensäure-Gaslöscher nicht als Sonderlöscher zugelassen worden sind, müssten sie mit Blick auf ihren besonderen Anwendungsbereich jedoch eigentlich als solche betrachtet werden. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Kohlensäure-Schneelöscher bzw. dem heutigen Kohlendioxidlöscher fehlt dem Kohlensäure-Gaslöscher, wie auf dem Bild gut zu erkennen ist, nämlich das markante Schneerohr. Stattdessen ist er mit einer Gasdüse ausgestattet, welche das Kohlendioxid (früher fälschlicherweise als Kohlensäure bezeichnet) mit vollem Flaschendruck ausströmen lässt. Der Gasstrahl tritt in der Regel mit einem Druck von 60 bis 150 bar aus und ist so in der Lage, auch Brände von unter Druck austretenden Gasen zu löschen. Daher waren Kohlensäure-Gaslöscher neben den Brandklassen B und E zusätzlich auch für die Brandklasse C zugelassen.
Kohlensäure-Gaslöscher waren aufgrund ihres speziellen Einsatzzwecks von Natur aus schon sehr selten und viele haben mit Sicherheit noch niemals einen gesehen, geschweige denn benutzt - und das ist ein echtes Erlebnis, von welchem ich hier gern mal etwas berichten möchte!

Einsatzbericht
Als ich die letzten Tage in meinem Museumskeller etwas gerödelt hatte, fiel mir der 1974er GLORIA KS 6 SG aus einer der hinteren Ecken in die Hände - noch komplett gefüllt. Normalerweise kommen die teilweise 60 Jahre alten Feuerlöscher schon leer bei mir an oder ich entleere sie aus Sicherheitsgründen fachgerecht und zeitnah nach Erhalt. Bei meinem 6 kg-Kohlensäure-Gaslöscher hatte ich das irgendwie verschlampt und so stand er seit knapp zwei Jahren unberührt im Keller. Da der Löscher mittlerweile nun auch schon gut 42 Jahre auf der Uhr hat, wurde es höchste Zeit, ihn zu entschärfen!
Vorsorglich zog ich mir dicke Handschuhe an, denn die berühmte Schnabelarmatur ist tückisch, auch wenn sie in Kombination mit dem fast 1 m hohen, schlanken Feuerlöscher das schönste ist, was es jemals gegeben hat! Im Inneren drückt vereinfacht ausgedrückt eine kleine Feder die Spindel herunter, um das Ventil zu öffnen und diese kleine Feder bricht gerne mal, wenn sie in die Jahre kommt. Dann strömt einem rund -70 °C kaltes Kohlendioxid über die Hand und das ist nicht gerade angenehm. Ist mir schon mehrfach passiert und deshalb begegne ich dieser Armatur nur noch mit dicken Handschuhen!

Perfekt ausgerüstet ging ich dann also in den Garten zu meinem üblichen "Abschussplatz" und es lag eine (noch) recht idyllische Atmosphäre in der Luft. Die Blätter raschelten leise im Wind, einige Vögel blökten in den Bäumen herum und alles wirkte friedlich - doch das sollte sich schlagartig ändern.
Von meiner beruflichen Tätigkeit und auch von meiner Sammelleidenschaft her kenne ich mich gut aus und ich weiß bei Gott, was in so einem Kohlendioxidlöscher steckt. Doch das, was mich in wenigen Augenblicken erwarten würde, sollte meine bisherigen Erfahrungen in den Schatten stellen.

Als ich die Sicherung zog und das Hebelventil betätigte, brach die Hölle über die ach so friedliche Idylle herein, denn das leise Rauschen der Blätter sowie auch das Gequake der Vögel gingen völlig in dem fast schön bösartigen Donnern unter, welches der Kohlensäure-Gaslöscher plötzlich von sich gab. Obwohl ich annähernd ahnte, was mich erwartet, war ich dennoch überrascht von dieser Urgewalt, die ich da entfesselt hatte! Mit jedem Druck auf das Hebelventil stellte sich der Löscher schräg nach hinten und da ich gleichzeitig den fast unbändigen Hochdruckschlauch gut festhalten musste, hatte ich schon einige Mühe, das Gerät sicher unter Kontrolle zu halten. Vorne an der Düse war lediglich ein ganz leichter, bläulicher Gaskegel zu sehen, welcher im Nachgang mit einer unglaublichen Kraft alles wegpustete, was ihm in die Quere kam.
Nach etwa 5 Sekunden Vollgas bildete sich eine dicke Eisschicht vorne an der Düse, welche den Querschnitt soweit verengte, dass sich in das unheimliche Grollen ein schrilles und ohrenbetäubendes Pfeifen mischte.
Weitere 15 Sekunden später gab es plötzlich einen Ruck und der massive Gasstrom reduzierte sich etwas. Der gesamte Feuerlöscher fing an zu dampfen und fror vom Fußring bis zum Ventil von einer Sekunde auf die andere komplett ein. Sogar der sonst sehr flexible Schlauch war steinhart eingefroren und behielt die waagerechte S-Form, in der ich ihn gehalten hatte. Hab ich vorher noch nie erlebt!

Das ganze Spektakel ging ungefähr noch ganze drei Minuten weiter, bis der Gasstrom versiegte. Leer war der Feuerlöscher aber noch nicht! Als Taragewicht steht 9,89 kg auf der Flasche eingeschlagen und die Waage zeigte noch knapp 12,8 kg an! Spannband mit Tragegeriff und Schneerohr überschlagsweise Pi mal Daumen abgezogen, hatte der Löscher noch ungefähr knapp 2 kg Kohlendioxid drauf. Wie kann das sein?
Durch die starke Abkühlung des Löschers hatte sich der Dampfdruck des Kohlendioxids so weit vermindert, dass ohne Steigrohr - welches ein Kohlensäure-Gaslöscher nämlich nicht besitzt - kein Gas mehr entnommen werden kann - trotz Restfüllmenge. Hierin ist sehr wahrscheinlich auch die unglaublich lange Funktionsdauer von 3 Minuten begründet. Herkömmliche 6 kg Kohlendioxidlöscher sind nach spätestens 15 Sekunden leer! Die restlichen 2 kg Kohlendioxid konnte ich dann nach mehreren Auftauphasen im Laufe von insgesamt 12 Stunden restlos abblasen, womit "das Biest" dann endgültig bezwungen war.

Fazit
Hätte man mit einem Kohlensäure-Gaslöscher tatsächlich einen Gasbrand der Brandklasse C löschen können? Ja, mit der Power auf jeden Fall - selbst eine brennende Bohrinsel hätte man mit einem einzigen Kohlensäure-Gaslöscher wahrscheinlich aus-, um- und wegpusten können! Auch Brände in elektrischen Anlagen der ehemaligen Brandklasse E wären kein Problem für diesen Löscher, da man vermutlich den ganzen Sicherungskasten oder was auch immer von der Wand gefegt und in alle Winde verteilt hätte.
Doch mal ganz ehrlich - einen Gasbrand auf andere Art und Weise zu löschen, als durch Abdrehen des Gashahns ist der pure Wahnsinn und da die meisten Menschen, die in einer Notsituation einen Feuerlöscher benutzen müssen, unerfahren sind, wäre es ein ebensolcher Wahnsinn, ihnen ein solches Monster in die Hand zu drücken!

Die Eignung für die Brandklassen C und von mir aus auch E ist OK, wohingegen die für die Brandklasse B etwas fragwürdig ist. Der Gasstrahl ist meines Erachtens zu scharf, um brennende Flüssigkeiten sicher löschen zu können. Herkömmliche Kohlendioxid- bzw. Kohlensäure-Schneelöscher bringen auch durch die Hand einer unerfahrenen Person das Löschmittel weich auf die brennende Oberfläche auf, wodurch der Sauerstoff verdrängt und der Brand sicher abgelöscht wird. Haut man hingegen mit einem 60 bar Gasstrahl punktförmig in die brennende Flüssigkeit, wie es einer unerfahrenen Person passieren könnte, spritzt alles durch die Gegend und der Brand würde sich ausbreiten.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Kohlensäure-Gaslöscher ihrem vorrangigen Gegner - brennendes, unter hohem Druck austretendes Gas - eine brachiale Gewalt entgegenbrachten und diesen auch erfolgreich schlagen konnten. Allerdings sind die enorme Kraft, der erhebliche Rückstoß und auch die Risiken beim Löschen von Flüssigkeitsbränden der Brandklasse B nicht zu unterschätzen.
Aus heutiger Sicht betrachtet waren Kohlensäure-Gaslöscher für ihren speziellen Zweck zwar äußerst effektive und kraftvolle Löscher - jedoch nicht in den Händen ungeübter und unerfahrener Personen! Mit solch einem Biest waren hier Zwischenfälle mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen so gut wie vorprogrammiert.

©. Menzel 2016

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